Kommentar zur Trinkwasserverordnung 2011 – Trinkwasserverteilungsanlagen

Qualitativ einwandfreies Trinkwasser ist ein kostbares Gut, das versteht man, wenn man Pech hat, nach dem Genuss eines „frischen“ Salates in einem „Drittewelt“-Land.  Dessen ist sich auch die deutsche Regierung bewusst und daher bemüht, den aktuell relativ guten Status der Trinkwasserversorgung gesetzlich zu unterfüttern und zu verbessern (Neue Trinkwasserverordnung Nov. 2011). Ein wesentliche Neuerung dieser Novellierung ist die Ausweitung der Verantwortlichkeit für die Trinkwasserqualität über den Bereich der Wasserversorger hinaus auf Gewerbetreibende, wie Vermieter und Industriebetriebe, die ihren Mietern bzw. Mitarbeitern Trinkwasser zur Verfügung stellen.

Was bedeutet das in der Praxis: Insbesondere  Wohnobjekte  im Altbestand werden sanierungspflichtig. Damit wird bald der letzte Meter Trinkwasserleitung aus Blei verschwinden. Die negative Seite der Verordnung ist der entstehende Aufwand, finanziell und organisatiorisch. Im Mietbereich werden die zusätzlichen Kosten mit Sicherheit auf die Mieter abgewälzt werden.  Auf der organisatorischen Seite werden Vermieter und Industriebetriebe, aber auch die Gesundheitsämter mit Aufgaben konfrontriert, denen sie sich nur langsam anpassen können, da häufig die personelle und informationstechnische Infrastruktur fehlt, abgesehen davon, dass in vielen Fällen aktuelle Pläne der Trinkwasserinstallation fehlen.

Anzeigepflichten:

Für Errichter und Betreiber von Trinkwasser-Verteilungsanlagen besteht seit dem November 2011 nach §16 eine Anzeigepflicht beim zuständigen Gesundheitsamt, sobald eine Trinkwassererwärmungsanlage 400 l oder ein Leitungsvolumen 3l zwischen Entnahme- und Erzeugungsstelle des Warmwassers überschreitet. Verstöße gegen die Meldepflicht werden als Ordnungwidrigkeiten bestraft.

Die Anlageerrichtung muss 4 Wochen vorab dem Gesundheitsamt gemeldet werden, aber auch Änderungen sind mitzuteilen… jeder Warmwasserhahn, jeder neue Anschluss einer Dusche! Der Zweifel ist erlaubt, ob die Gesundheitsämter die EDV-Kapazität für eine sinnvolle Speicherung solcher Daten vorhalten.

Alle Wasserentnahmestellen für die Beprobung sind dem Gesundheitsamt bekannt zu geben.

Untersuchungspflichten:

Warmwasserbereich: Bei den meldepflichtigen Warmwassererzeugungsanlagen besteht die Verpflichtung, die hygienische Qualität mindestens jährlich zu kontrollieren, d.h. insbesondere auf Legionellen.

Kaltwasserbereich: Kurioserweise wird nur die Verpflichtung zur Hygienekontrolle auf Legionellen in Warmwasseranlagen hervor gehoben. Wenig beachtet wird dagegen ein für Unternehmer/Verantwortliche ebenso wichtiger  Punkt: Sie sind verpflichtet Mietern und Mitarbeitern ausschließlich chemisch und hygienisch einwandfreies Trinkwasser bereit zu stellen. Das hört sich wenig sensationell an, aber bereits ein fahrlässiger Verstoß gegen diese Vorschrift kann zu strafrechtlichen Konsequenzen führen  (Bei Fahrlässigkeit oder Vorsatz Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren oder Geldstrafe, §75 Infektionsschutzgesetz).  Wer im Zweifelsfall nicht nachweisen kann, dass er seiner Sorgfaltpflicht genüge getan hat, riskiert also schlimmstenfalls den Knast. Der gerichtsfeste Nachweis für die eigene Sorgfalt wird sich kaum ohne vorliegende jährliche Kontrollmessungen erbringen lassen. Neben der Sorgfaltspflicht besteht auch noch eine Informationspflicht. Ergebnisse von Untersuchungen sind ebenso zugänglich zu machen, wie die Infos zu Bleileitungen.

Untersuchungsumfang:

Warmwasser: Untersuchung auf Legionellen.

Kaltwasser: Der Umfang der vorzunehmenden chemischen Untersuchung richtet sich nach den Vorgaben des jeweiligen Gesundamtes und kann also variieren. Sinnvoll erscheinen Eisen, Nickel, Chrom, Cadmium, Arsen, Antimon. Dazu noch pH, elektrische Leitfähigkeit, Trübung und Geruch und auf der Seite der Mikrobiologie die Gesamtkeimzahl. Zusätzliche Parameter können noch halogenierte Methane, Chlorgehalt sowie weitere Parameter sein, wenn zusätzliche Wasserbehandlungsmaßnahmen durchgeführt werden.  Die Kosten können Vermieter wiederum weiter geben.

Beprobungsstellen:

Warmwasser: Am Warmwasserbehälter bzw. am Anfang des Heisswasserstranges, an repräsentiven Stellen (meist am Ende des Heisswasserstranges) und am Rücklauf in den Warmwasserbehälter.

Kaltwasser: Beprobungsstellen sollten am entferntesten Punkt der Trinkwasserverteilungsanlage liegen. Bis zur Übergabestelle ins Haus ist der jeweilige Wasserversorger für die Unbedenklichkeit des Wassers verantwortlich und wird auf Anfrage entsprechende Analysedaten vorlegen oder im Zweifel eine entsprechende Untersuchung durchführen. Trotzdem sollte im eigenen Interesse eine Probe am Zugang zum Haus hinter der Wasseruhr gezogen werden, um aus eventuell schlechten Werten am Strangende keine falschen Schlüsse zu ziehen, denn in alten Trinkwassernetzen können natürlich auch schon vor der Übergabestelle Schadstoffe in das Wasser gelangen.

Lit.: DVGW Arbeitsblatt W 551, Trinkwasserverordnung 2011

p.s.: Ohne jetzt gleich in Panik zu verfallen: Bereits eine zufällige Kontrolle, die  durch eine amtsärztliche Untersuchung ausgelöst wird, wenn bei einer Erkrankung der Verdacht auf ein Trinkwasserproblem entstanden ist … z.B. Durchfallserkrankung eines Säuglings oder ein ungeklärter Typhusfall bei einem Beschäftigten … kann dazu führen, dass die entsprechenden Untersuchungsergebnisse abgefragt werden, liegen diese dann nicht vor, könnte ein Staatsanwalt durchaus einen Grund zur Strafverfolgung darin sehen, ganz unabhängig davon, ob die anschließende Kontrolluntersuchung einen Hygienemangel offenbart.